Alp Laisch

Vita e mort...Leben und Tod

Auf der Alp wird man Tag täglich mit der Realität, mit dem Leben konfrontiert. Die Sorgen, die man auf der Alp hat, beschränken sich auf einem kleinen Raum, sie sind aber umso grösser. Immer wieder handelt es sich um Leben und Tod.
An einem Tag konnten wir unser Huhn gerade noch von den Greifen des Bussardes befreien. Den Federn nach, die überall verstreut waren, ist es ein Wunder dass das Huhn noch lebt. An einem anderen Morgen ist unser Hund Maira draussen auf der Weide von Blitz und Donner so stark erschreckt worden, dass sie anstatt nach Hause zu fliehen, sich irgendwo verkrochen hat. Erst nach einem Tag und einer Nacht ist sie wieder zurückgekommen – meine Mutter hatte wohl eine schlaflose Nacht und … alle möglichen Gedanken. Auch unser Kater bleibt hie und da länger weg – ein ungutes Gefühl. Vor einigen Tagen hörte mein Vater ein komisch lautes Grunzen. Ein Schwein schaute ihn an und grunze immer wieder – so verhalten sich unsere Schweine sonst nie. Irgendwie hatte er ein seltsames Gefühl und beim näheren Hinschauen hat er gesehen, dass die Schweine zwei dicke Bretter über dem Gülloch entfernt hatten…und…ein Schwein fehlte. Tatsächlich es schwamm im Gülloch unter den Brettern. Mit all seinen freigewordenen Kräften konnte mein Vater das Schwein aus seiner lebensbedrohlichen Lage befreien – und auch ihm ist zum Glück nichts passiert!

Aber so nah wie das Glück und das Leben ist auch der Tod und das Unglück.

Am letzten Samstag hat es geschneit, aber noch vorher stark geregnet. Dies bedeutet dass der Boden aufgeweicht ist und mit Schnee darauf noch rutschiger wird. Unsere galten Kühe weiden in einer grossen von Wind und Wetter geschützten Waldweide. Trotzdem ging meine Mutter mit meinem kleinen Bruder Jon am Nachmittag hoch um nachzuschauen wie es den Kühen geht. Für den nächsten Tag meldete der Wetterbericht wieder wärmeres Wetter, so dass der Schnee wieder ausapern sollte.

Auf einmal klingelt das Natel meines Vaters und das Gespräch war sehr wirr. Mein Vater, der gerade am Melken war, hat ein Anruf von meiner Mutter erhalten – vielleicht ist eine Kuh abgestürzt, sagte sie. Kurz danach nochmals ein Telefon – kommt schnellst möglichst hoch und holt alle galten Kühe in den Stall runter, diese dürfen keine Stunde länger hier oben sein. Scheinbar hat sie auch noch Hilfe bei den Bauern angefragt, denn bei diesem Schnee kann ein Abtrieb schwierig werden.

Mein Vater, mein Bruder und ich sind sofort los – und oben angekommen, kamen auch schon zwei weitere Hilfen und so haben wir mit einiger Mühe die Tiere runter getrieben. Obwohl ich eigentlich müde war, war es im Moment des Anrufes klar, dass alle losgehen, ohne ein Wort zu verlieren. Erstaunlich - da funktioniert man einfach!

Aber die Vorahnung meiner Mutter hat sich bestätigt, die Orlanda fehlte. Meine Mutter und mein Bruder sind den Spuren gefolgt. Ich hatte etwas Angst, denn dort ist es sehr steil und zum Teil sehr felsig – hoffentlich passiert ihnen nichts – und hoffentlich lebt die Kuh noch… dann war das Akku des Natels meiner Mutter leer…

In der Alp unten angekommen dann die Nachricht, dass die Orlanda gut 500 Höhenmeter abgestützt sei und dass sie ganz weit unten Tod liegen geblieben ist. Solche Momente vergisst man nie wieder…

Am anderen Morgen sind wir dann mit meiner Mutter zur Unfallstelle gegangen und haben von der Orlanda Abschied genommen. Kein schöner Anblick – aber es gehört zum Leben und hilft einem mit der Realität und dem Tod um zu gehen. Meine Mutter tat mir Leid – denn im Sommer trägt sie die Verantwortung über die 28 Kühe und wenn es so ausgeht…

Ich bin auch traurig, dass dieser Unfall passiert ist und dass die Orlanda so kurz vor dem Alp Abzug sterben musste, aber ich bin auch froh, dass wir alle anderen Kühe gesund runter treiben konnten, denn bei den Verhältnissen hätte auch mehr passieren können…

Braida Nesa
08. September 2017 - 16:40
0

Kommentare