Alp Schwandi/Laub

Nebelkühe

Seit 2 Tagen hat es nur geregnet. Es ist nachmittags, ich ziehe mir die Schuhe an um die Kühe zum melken von der Weide zu hohlen. Draußen ist es nass und kalt. Zum Glück macht der Regen gerade eine Pause und es nieselt nur leicht. Der Nebel ist so dicht, dass ich die kleinen Tröpfchen auf der Haut spüre. Und ich sehe nichts. Gar nichts. Alles ist weiß, so als stünde ich mitten in einer Wolke. Auf dem matschigen, durchgeweichten Boden ist es rutschig. Lilli springt leichtfüßig neben mir her, ich rutsche immer wieder auf dem nassen Lehm aus.
Auf der Weide kann ich dir Kühe nicht sehen. Ich kann auch nicht die Baumgruppe sehen, die direkt vor mir sein muss, so dicht ist der Nebel. Ich bin dankbar für die Glocken, die die Kühe tragen. So kann ich die Kühe wenigstens hören. Also lausche ich und lasse Lilli ein paar Mal bellen, in der Hoffnung das sich die Tiere dann etwas regen und ich ihre Glocken hören kann.
Seit vorgestern sind die Kühe auf einer neuen Weide. Das Graß ist noch frisch und sehr hoch. Die langen Halme wurden vom starken Regen zu Boden gedrückt. An den Grashalmen und Blättern hängen dicke, silbrige Regentropfen. Zum Glück habe ich nicht nur Regenjacke, sondern auch Regenhose angezogen, denn das Graß geht mir bis über die Knie. Der kleine Hund, inzwischen schon komplett nass, verschwindet fast ganz zwischen den hohen Grashalmen und springt immer wieder hoch um sehen zu können. Viel sehen können wir allerdings sowieso nicht wegen des Nebels. Wir gehen also in die Richtung, in der wir die Kühe vermuten und immer wieder tauschen aus dem Nebel vor und im Stehen grasende Kühe oder, wie in einem Nest im hohen Gras, liegende Kühe auf. Bis wir am Zaun angelangt sind, der das Ende der Weide markiert, haben wir schon die meisten Kühe gefunden und auf den Weg geschickt. Jetzt kann ich nur hoffen, dass sie auch wirklich hinunter Richtung Stall gehen, sehen kann ich sie schon wieder nicht. Manche Kühe, wie Stern, Sandra und Bianka sind schon viele Jahre auf der Alp gewesen und kennen den Weg zum Stall. Andere Kühe, noch jung und unerfahren, tun allerdings so als wären sie noch nie in den Stall gegangen und laufen nicht hinunter zum Tor, sondern den ganzen Berg wieder hoch und verschwinden im Nebel. Mittlerweile ist aus dem schwachen Nieselregen ein richtiger, starker Regen geworden und jetzt werden der Hund ich von oben und unten nass.
Wir rennen den Kühen im Nebel hinterer, ich stolpere über einen Stein, den ich nicht gesehen habe im hohen Gras und rutsche ein bisschen den Hang hinunter, noch dankbarer für die Regensachen, die jetzt komplett mit Matsch und Graß überzogen sind. Weiter hinten taucht kurz eine Kuh im Nebel auf und verschwindet wieder, Lilli jagt ihr hinterher. Und immer, wenn ich denke, dass wir doch jetzt mal alle Kühe gefunden haben müssen, tauscht noch eine weitere im Nebel auf.
Fast alle Kühe sind nun endlich träge und langsam Richtung Tor unterwegs aber irgendwo weiter oben höre ich immer noch eine Glocke. Also noch mal den Berg hoch. Ich erkenne, dass es Joy ist, die oben auf dem Hügel steht und zu uns herunterschaut, aber keine Anstalten macht zu uns herunter zu kommen. Ich schicke Lilli los und sie verschwindet im Nebel. Und bald tauschen Hund und Kuh wieder auf, endlich auch auf dem Weg Richtung Stall.
Beim Stall angekommen zähle ich die Kühe durch. Ein Glück, es sind 24. Lilli und ich haben sie alle im Nebel gefunden.
Immer noch in Regensachen stallen David und ich die nassen Kühe ein. Heute Nacht sollen sie im Stall bleiben, denn wir haben beide keine Lust morgen früh bei Nebel und Regen die Kühe im Dunkeln zusammen zu suchen. Also bleiben sie über Nacht im trockenen, gemütlichen Stall und während die 24 Kühe nach dem melken zufrieden ihr Heu kauen oder schon mit geschlossenen Augen auf ihren Plätzen liegen während der Regen auf das Stalldach prasselt sieht es nicht so aus als würde es sie groß stören.

Lea Kluge
05. Octobre 2018 - 11:29
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