Alp Schwandi/Laub

Zeit

*Plopp* Bier, Liegestuhl, Sonne, Feierabend! Die Kühe sind versorgt, der Hund satt, die Hühner in Sicherheit, der Stall sauber, die Käserei aufgeräumt. Die letzten Stunden gehören uns.

Und dann hör ich sie. Die entfernten Stimmen, Worte sind nicht zu verstehen. Nach kurzem suchen sehe ich zwei Kletterer die Felswand erklimmen. Hoch auf den Grat wollen sie. Eine beliebte Tour für die etwas abenteuerlicheren.

Schnitt

Gerade bin ich dabei das Melkzeug an zuhängen, da wird die Stalltür aufgerissen. Die Sennerin ruft in den Stall: „10 nach brauch ich die Milch!“ *zack* Tür zu. Ich wollte noch hinterher rufen, dass es kein Problem wird. Wie spät ist es überhaupt? Eine Uhr habe ich jedenfalls nicht im Stall. Noch nie gebraucht. Und was würde sie mir bringen? „Du, Stern, gestern warste aber ne Minute schneller mit Milch los lassen.“ Wenig überzeugend.

Schnitt

In der Käserei. Viel bekomme ich da nicht mit. Aber den Käsebruch ausziehen ist Ritual. Da muss ich einfach dabei sein. Und das ein oder andere weiß ich dann doch. 30 Minuten muss die Milch ruhen sobald Kultur und Lab beigemischt wurden. Und auch das Brennen ist genau berechnet. Insgesamt von Anfang bis zu den gewünschten 52°C solltees nicht länger als 45 min. dauern. Aber in den ersten 15 min. nicht mehr als 38°C. Also ganz vorsichtig. Und auch sonst sind alle Prozesse beim Käsen sehr genau zeitlich abgestimmt und Uhrzeiten, wann was gemacht wurde, genauestens zu dokumentieren. Für die Fabrikationskontrolle.

Schnitt

Seit einiger Zeit irre ich durch den Nebel auf der Suche nach der letzten Kuh. Heute Morgen hat es geregnet und in der Dunkelheit habe ich nicht alle Kühe gefunden. Beim einstallen kamen noch ein paar Nachzügler. Bis auf eine. Aber dann nochmal los hätte zu viel Zeit gekostet. Deswegen mal anfangen zu melken und hoffen, dass sie noch kommt. Sie kam aber nicht. Sehr ungewöhnlich. Nach dem melken war es schon heller, sodass ich immerhin ohne Taschenlampe los konnte. Aber der Regen und die Nebelschwaden machen es nicht leichter. Jedes Stückchen muss genau unter die Lupe genommen werden. Nichts. Nur Alpensalamander. Auch schön, aber nicht das wonach ich suche. Und dann sehe ich es, der Zaun ist defekt. ‚Die Kuh wird doch wohl nicht alleine…‘ denke ich mir. Aber tatsächlich, da liegt sie Seelenruhig in der hintersten Ecke. Endlich geht es zurück zum Stall.

Schnitt

Die Kletterer haben es geschafft und sind dabei den Grat entlang zu wandern. Während die beiden dort oben ein großes Abenteuer erleben sitze ich hier herum und versuche mich möglichst wenig zu bewegen. Aber ein schlechtes Gewissen überkommt mich doch während ich die beiden fleißigen dort oben beobachte. Eigentlich könnte ich doch die Zeit auch besser nutzen. Muss ja nicht gleich so spektakulär sein. Aber wollte ich nicht mal Pilze suchen gehen?

Schnitt

Obwohl ich die Zeit beim melken nicht im Blick habe, weiß ich doch wie schnell ich arbeite. Es gibt nun mal Tage an denen es etwas länger dauert, wo der Körper auch nicht so will wie er sollte. Und rumtrödeln tue ich ja auch nicht. Dann wird es halt mal 5 oder 10 Minuten länger. Aber große Auswirkungen hat es letztendlich auch nicht. Besser so, als dass ich mich stresse und schlechte Laune bekomme.

Schnitt

Endlich bin ich mit der Kuh zurück im Stall. Jetzt noch melken und schnell die Milch in die Käserei bringen. Fröhlich reiße ich die Tür auf und rufe: „Hier, die letzte Milch, dann kannst du endlich anfan….“ Der Rest bleibt mir im Halse stecken. Die Sennerin steht mit der Käseharfe vor dem Kessi und schneidet den Bruch. Zu spät für meine Milch. Dann wird sie halt aufbewahrt.

Schnitt

Timing ist in der Sennerei alles. Hier bestimmt die Zeit. Sobald angefangen wird muss es auch durch gezogen werden. Auch die Frühstückspause wird vorher bestimmt. Wenn es einem mal nicht so gut geht, ist es dem Käse und der Zeit egal. Du musst dich dran halten. Du brauchst 5-10 Minunten länger? Dann hast du verspielt. Aber es gibt auch einen geregelten Arbeitstag. Die Frühstückspause fällt nicht aus weil etwas dringend gemacht werden muss. Das Wetter kann dir auch egal sein. Und überhaupt kann es auch sehr schön sein alle Abläufe genau zu kennen, genau zu wissen wie der Arbeitsalltag aussieht und jeden Handgriff genau zu kennen.

Schnitt

Inzwischen sind die Kletterer kurz davor aus meinem Sichtfeld zu verschwinden und auch mein Feierabendbier neigt sich dem Ende. ‚Schon bewundernswert, was die beiden geschafft haben während ich mein Bier getrunken habe.‘ denke ich mir noch ehe ich mein Platz verlasse und die Sonne hinter dem Berg verschwindet ‚aber so war’s doch auch sehr schön.‘

Lea Kluge
23. Septembre 2018 - 08:07
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